Diese Fragen hätten wir uns stellen sollen, bevor wir unsere Beziehung öffnen
- 24. Juni
- 7 Min. Lesezeit
Zugegeben, manchmal ist gar nicht die Zeit, um sich die richtigen Fragen zu stellen. Ob man sich prinzipiell vorstellen kann, die bestehende Beziehung zu öffnen – das zu wissen, wäre von Vorteil. Aber alle relevanten Fragen? Dafür bleibt nicht immer Zeit. Denn ganz ehrlich: Gefühle für andere Menschen oder gar Liebe lassen sich nicht immer steuern. Manchmal sind sie einfach da.
So ging es auch meinem Mann und mir. Auf einige wichtige Fragen hatten wir schon vorher eine Antwort, auf andere noch nicht – weil uns gar nicht bewusst war, dass wir uns diese Fragen hätten stellen sollen.
Damit du besser vorbereitet bist, schreibe ich in diesem Beitrag über alle – aus meiner Perspektive – relevanten Fragen, die man sich stellen sollte, bevor man die Beziehung öffnet.

Was ist unsere Motivation? Warum wollen wir unsere Beziehung öffnen?
Bevor ihr auch nur einen Schritt in Richtung Beziehungsöffnung geht, solltet ihr euch darüber klar werden, warum ihr es wollt. Wollt ihr es, weil ihr aktiv euer Beziehungsmodell hinterfragt? Weil ihr fühlt, dass ihr Platz für mehr Menschen in eurem Leben habt? Weil ihr eure Beziehung retten wollt? Egal, was der Grund ist, seid ehrlich – mit euch selbst und eure:r Partner:in. Denn früher oder später wird in diesem Prozess sowieso der wahre Grund zum Vorschein kommen. Und: Ihr könnt von Anfang an üben, wirklich ehrlich und offen miteinander umzugehen – eine der Voraussetzungen für eine gesunde (geöffnete) Beziehung (mehr dazu hier: 3 Skills, die man für eine nicht-monogame Beziehung zwingend braucht). Ich möchte hier gar nicht werten, welche Gründe „besser“ oder „schlechter“ sind. Ihr dürft euch einfach darüber bewusst sein, dass manche Gründe leichter an die Grenzen einer erfolgreichen Beziehungsöffnung stoßen als andere.
Übrigens muss die Motivation von euch beiden nicht die gleiche sein. Während ich schon immer wusste, dass ich mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann, war mein Mann weniger davon überzeugt. Für ihn war Monogamie sein Lebensmodell, das er nicht hinterfragte, weil für ihn kein Anlass bestand. Und gleichzeitig war er offen dafür, herauszufinden, ob das so bleiben musste. Seine Motivation war eher: Ich bin offen dafür, neue Erfahrungen zu machen, und ich möchte, dass meine Frau glücklich ist. Was es nicht war: Ich mache es, UM meine Frau glücklich zu machen. Das wäre eine Motivation gewesen, die dem Ganzen höchstwahrscheinlich nicht standgehalten hätte. Die Motivation sollte jeweils aus euch selbst heraus kommen und für euch persönlich einen Gewinn bringen.
Welche gemeinsamen und individuellen Bedürfnisse haben wir?
Bevor ihr euch gemeinsame Bedürfnisse überlegt, solltet ihr euch getrennt voneinander damit auseinandersetzen, welche Bedürfnisse ihr persönlich habt. Diese können ganz unterschiedlich sein. Da ihr aber in diese Beziehungsöffnung als Team startet, ist das Bewusstwerden über die eigenen Bedürfnisse und der Austausch mit de:r Partner:in essenziell. Manchmal braucht es Zeit, um überhaupt die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, manchmal braucht es Erfahrung, um weitere Bedürfnisse zu verstehen. Das ist vollkommen normal und legitim – eine Beziehungsöffnung ist immer ein Prozess und kein fixer Zustand. Was ihr aber vorab klären solltet, ist, ob es Bedürfnisse von euch gibt, die die Beziehungsöffnung in eine bestimmte Richtung lenken.
Für uns war immer klar, dass wir als Team in diesen Prozess starten und wir für uns das Fundament bilden. Unser gemeinsames Bedürfnis war, unsere Beziehung auf keinen Fall zu schwächen, sondern sie im besten Fall zu stärken. Ich persönlich habe erst während des Prozesses meine Bedürfnisse herausgefunden. Mein Mann hatte von Anfang an das Bedürfnis, dass wir die Beziehungsöffnung gemeinsam angehen, sprich: Er wollte eine gemeinsame Erfahrung und nicht eine getrennte. Deswegen war für uns immer klar: Wenn wir irgendwann unsere Beziehung öffnen, dann gemeinsam für eine Frau, weil das der gemeinsame Nenner unserer Sexualität ist.
Welche Form einer geöffneten Beziehung wünschen wir uns?
Beziehungsöffnung bedeutet nicht für alle dasselbe. Es gibt so individuelle Ausdrucksweisen davon, wie es Menschen gibt. Zur besseren Einordnung hier aber ein paar mögliche Formen:
Offene Beziehung: Euch geht es primär um die sexuellen Erfahrungen mit anderen Menschen und weniger um weitere „klassische“ Beziehungsmenschen mit emotionaler Bindung in eurem Leben. Dies kann unterschiedliche Formen haben – von getrennten Erfahrungen, über die nicht gesprochen wird, über getrennte Erfahrungen mit stetigem offenen Austausch zwischen euch, bis hin zu gemeinsamen sexuellen Erfahrungen, sei es als Dreier, als Swinging oder in anderen Formen.
Polyamorie: Euch geht es nicht primär um die sexuellen Erfahrungen mit anderen Menschen, sondern um emotionale Verbindungen. Ihr wollt euer Beziehungsmodell erweitern und weitere Menschen emotional (und sexuell) in euer Leben aufnehmen. Auch hier gibt es viele verschiedene Varianten. Sie unterscheiden sich zum einen darin, ob ihr unabhängig voneinander weitere Beziehungsmenschen habt oder gemeinsame. Und zum anderen darin, ob eure Form geschlossen ist – es kommen in der Regel keine weiteren Menschen dazu – oder offen, sodass das Polykül weiter wachsen kann.
Aus Erfahrung weiß ich: Selbst wenn ihr euch vor der Öffnung überlegt habt, welche Beziehungsform ihr euch wünscht, kann sich das mit der Zeit entwickeln. Eine gewisse Offenheit hilft, um Erfahrungen und Entwicklung zuzulassen.
Ich wusste zum Beispiel aus einer früheren offenen Beziehung, dass ich keine klassische offene Beziehung wollte, weil es mir persönlich um die emotionale Verbindung und nicht um den Sex ging. Ich wollte mehrere Menschen lieben und damit einher auch mit denen Sex haben – nur Sex ohne Verbindung kann ich persönlich nicht. Daher kam für uns eigentlich nur eine polyamore Beziehung in Frage.
Ein Glossar über queere Begriffe findest du hier: Polyamorie, offene Beziehung, pansexuell? Queere Begriffe erklärt.
Welche Grenzen dürfen nicht überschritten werden?
Es gibt einen Unterschied zwischen Grenze und Kontrolle. Eine Grenze ist immer das, was für dich persönlich gilt, Kontrolle ist, wenn du deinem Gegenüber sagst, was er:sie nicht tun darf. Der Übergang kann dabei fließend sein, weil manche persönliche Grenzen Konsequenzen für den:die Partner:in mit sich bringen. Dabei ist wichtig, dass du deine:r Partner:in nicht vorschreiben kannst, was er:sie zu tun oder zu lassen hat, dein:e Partner:in aber sehr wohl freiwillig auf deine Grenzen reagieren kann. Wichtig ist auch hier der offene und ehrliche Austausch zwischen euch. Denn es bringt nichts, über die eigenen Grenzen hinwegzugehen, wenn das Nervensystem und die Beziehung von euch darunter leiden. Wie bei den Bedürfnissen können Grenzen im Laufe des Prozesses sichtbar werden. Es bedarf also einer kontinuierlichen Kommunikation darüber.
Eine wichtige Grenze, über die vorab gesprochen werden sollte, bevor es dazu kommt: Wie praktiziert ihr Safer Sex? Was sind eure individuellen Grenzen? Was muss passieren, damit ihr euch sicher fühlt? Und ganz ehrlich: Das ist kein Thema, das Verhandlungsspielraum hat. Hier sollte keine eurer individuellen Grenzen überschritten oder verwässert werden.
Über Grenzen haben wir im Vorfeld nicht viel gesprochen, bei uns sind sie eher währenddessen entstanden. Da wir aber permanent im offenen Austausch standen, war das für uns kein Problem.
Haben wir jeweils genügend zeitliche und emotionale Kapazitäten dafür?
Eine sehr unromantische Frage, die man sich vorab stellen kann oder vielleicht sogar sollte, ist, ob man überhaupt zeitlich und emotional dazu in der Lage ist, die Beziehung zu öffnen. Die Frage sollte dahingehend beantwortet werden, ob es andere Dinge im Leben gibt, die vielleicht gerade Vorrang haben sollten oder sonst hinten runterfallen könnten. Auch hier bedarf es Ehrlichkeit. Und auch wenn es wehtun kann, falls die Antwort Nein lautet, so kann sich dies durchaus mit der Zeit verändern. Vielleicht ist einfach gerade nicht der richtige Zeitpunkt für eine Beziehungsöffnung.
Um ehrlich zu sein, haben wir uns diese Frage nicht gestellt und komplett unterschätzt. Manchmal sind Gefühle schneller da, als man es für möglich hält, und dann können Fragen wie diese in den Hintergrund rücken, obwohl sie ehrlich beantwortet die Situation verändern würden. Denn wir hatten oft nicht genügend Kapazitäten, um alles unterzubringen. So eine Beziehungsöffnung bedarf vor allem zu Beginn sehr viel zeitlicher und emotionaler Kapazität, da Themen hochkommen können, von denen man nicht mal wusste, dass man sie hat. Diese dann einfach zu ignorieren, bringt nicht viel, und sie bewusst anzuschauen erfordert die nötigen Kapazitäten. Für uns waren es Monate, in denen so viel zusammenkam, dass an eine konzentrierte und geregelte Arbeit zum Beispiel oft nicht zu denken war.
Wie gehen wir mit Eifersucht und schwierigen Gefühlen um?
Eifersucht, Überforderung, ein Nervensystem im Alarmzustand – das alles ist komplett normal, wenn man die Beziehung öffnet. Unser Default-Modus sind monogame Beziehungen, in denen es oft Besitzdenken und in jedem Fall Exklusivität gibt. Fallen diese Normen weg, treten wir automatisch aus unserer Komfortzone heraus und werden mit all den Gefühlen konfrontiert, die wir vorher durch Regeln minimieren wollten. Der Unterschied ist unsere Sicht auf diese Gefühle. Sehen wir sie lediglich als Information und nicht als Gefahr, können wir wertvolle Erfahrungen und Entwicklungen daraus schöpfen. Denn letztlich wollen uns diese Gefühle lediglich auf etwas in uns aufmerksam machen.
Ich dachte immer, ich wäre überhaupt nicht mehr eifersüchtig. Weit gefehlt, denn wenn plötzlich nichts mehr den normalen Weg geht, können Themen hochkommen, von denen wir dachten, dass sie längst weg seien. Mein Umgang mit meiner Eifersucht war ein offener und ehrlicher. Es gab viele Gespräche, meine Grenzen und Bedürfnisse haben sich dadurch verändert, und ich habe gelernt, besser auf mein Nervensystem aufzupassen. Denn auch wenn es durch diese Gefühle vielleicht einen Schritt zurückgehen sollte, ist dies keineswegs ein Rückschritt. Vielleicht ist es einfach das Zeichen, das Tempo rauszunehmen.
Was, wenn sich unsere geöffnete Beziehung anders entwickelt als geplant?
Es kann passieren, dass sich zum Beispiel eine offene Beziehung, in der es primär um die weiteren sexuellen Verbindungen geht, in eine andere Richtung entwickelt, als es sich der:die Partner:in wünscht. Aber ganz ehrlich? Wir sind Menschen und manche Gefühle lassen sich nicht steuern. Hier ist es wichtig zu wissen, wie man damit umgehen möchte. Gibt es gewisse Dealbreaker, die vielleicht die komplette Beziehungsöffnung zum Scheitern bringen? Oder seid ihr bereit, euch je nach Situation weiterzuentwickeln und eure Beziehungsform anzupassen? Welche Voraussetzungen sind dafür notwendig?
Wir haben uns diese Frage nicht vorab gestellt und sind immer wieder offen miteinander in Kontakt gegangen. Da dies aber nicht für jeden Menschen gleich leicht ist, dürfen auch Fragen wie diese vorab besprochen werden, da sie aus der Theorie heraus leichter anzusprechen sind.
Was wir daraus gelernt haben
Eine Beziehung darf sich entwickeln – und eine offene noch viel mehr. Weil wir erstmal jede Menge verlernen dürfen, was wir bislang über Beziehungen zu wissen glaubten. Und wenn man sich vorab die richtigen Fragen stellt, können Stolpersteine auf dem Weg vielleicht nicht immer gänzlich beiseite geräumt, aber zumindest sichtbar gemacht werden. Damit ihr nicht darüber stürzt, sondern einen Weg drumherum findet.
Einige dieser Fragen hatten wir uns vorab gestellt, andere nicht. Hätten wir uns etwas bewusster damit auseinandergesetzt, hätten wir vielleicht den ein oder anderen Stolperstein früher erkannt. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Wir haben durch die Erfahrung unsere jetzige Beziehung frei gewählt.
Mehr über bewusste Beziehungen findest du hier: Liebe und Beziehungen jenseits von Normen und Regeln




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