Du kannst polyamor sein und trotzdem keine polyamore Beziehung wollen
- 3. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Viele Jahre habe ich gewusst, dass ich mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann, und geglaubt, dass ich irgendwann eine polyamore Beziehung wollen würde.
Bis ich eine hatte.
Erst da habe ich bewusst erlebt, dass Liebe alleine manchmal nicht reicht. Und dass man polyamor sein und trotzdem keine polyamore Beziehungen wollen kann.

Polyamorie, (serielle) Monogamie, Monoamorie?!
Was bedeutet polyamor überhaupt?
Poly=mehrere, Amorie=Liebe — Polyamorie ist die Fähigkeit, mehrere Menschen gleichzeitig lieben zu können, statt wie in unserer Gesellschaft normalisiert nur einen Menschen. In manchen Kulturen ist es normal, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben, in unserer gilt es als unnormal.
Wobei Polyamorie häufiger und dann schuldbehafteter stattfindet, als den meisten lieb ist — nämlich in Form von Fremdverlieben und Seitensprung. Denn, wenn du mich fragst, ist die Liebe deswegen für den ursprünglichen Beziehungsmenschen nicht gleich weg, nur weil du dich in einen neuen verliebst.
Und was ist Monoamorie?
Als Gegenpol zur Polyamorie wird fast immer die Monogamie genannt, dabei ist die Monogamie eigentlich die Ehe mit einem Menschen — Polygamie, also die Ehe mit mehreren Menschen, ist in Deutschland verboten. Korrekt wäre also eigentlich der Begriff Monoamorie, also die Liebe zu einem Menschen.
Was in unserer Kultur häufig gelebt wird, ist die serielle Monoamorie oder Monogamie. Denn wenngleich Polyamorie noch nicht weit verbreitet ist, so ist auch eine einzige Beziehung und Monogamie nicht mehr der Standard. Viele Ehen werden geschieden und bis es überhaupt zu einer kommt, hatten viele bereits mehrere Beziehungen. Wir sind also häufig seriell monoamor unterwegs – sprich: Wir haben eine Monoamorie nach der anderen.
Bist du monoamor oder polyamor?
Woher weiß ich, dass ich polyamor bin?
Für mich war es anfangs nur ein Gefühl, dass ich mehrere Menschen gleichzeitig lieben könnte. Genauso wie es ein Gefühl war, dass ich mich nicht nur von Männern sexuell angezogen fühle. Das Gefühl war vage, aber es ging nicht wieder weg. Also habe ich mich intensiver mit dem Thema beschäftigt. Ich habe mich eingelesen und immer tiefer reingefühlt. Mir hat nicht zwingend etwas gefehlt, aber im Hinterkopf hatte ich immer wieder dieses „Was wäre, wenn…?“.
Ich bin offen darüber in meine Ehe gestartet und mein Mann wusste von Anfang an, dass ich bisexuell und polyamor bin — auch wenn das erstmal kein Thema für uns war, insbesondere weil mein Mann heterosexuell war und monogam leben wollte.
Meist einmal im Jahr kam bei mir die Frage hoch: „Was passiert, wenn ich mich noch in einen weiteren Menschen verliebe? Was passiert dann mit uns?“ Allerdings war das zu den Zeitpunkten immer nur hypothetisch. Und ein offenes Gespräch mit meinem Mann half mir immer.
Dann öffneten wir ungeplant unsere Beziehung und starteten den Versuch einer Triade. Unsere gemeinsame Erfahrung einer polyamoren Beziehung hat mir und auch meinem Mann bestätigt, dass die Liebe zu mehr als einem Menschen wirklich und wahrhaftig möglich ist. Auch für Menschen, die sich das absolut nicht vorstellen können.
Und was das verdeutlicht: Auch wenn du noch keine Erfahrungen gesammelt hast, ist deine Orientierung absolut valide. Es darf einfach nur das innere Gefühl sein und du brauchst keine Erfahrungen gesammelt zu haben. Niemand hat das Recht, dir aus irgendwelchen Gründen, deine Orientierung, Sexualität oder Identität abzusprechen.
Orientierung ist nicht gleich Beziehungsmodell
Was der Unterschied konkret bedeutet
Niemand würde es wagen, einem heterosexuellen Single seine sexuelle Orientierung abzusprechen, nur weil der Mensch nicht in einer Beziehung ist, die dies beweist. Niemand würde auf die Idee kommen, diesen Menschen dann als asexuell zu bezeichnen, wenn er keinen Sex hat.
Auf der anderen Seite passiert dies aber sehr wohl, wenn man bisexuell ist: Plötzlich ist man als Frau hetero, wenn man mit einem Mann zusammen ist, oder lesbisch, wenn man mit einer Frau zusammen ist.
Und das nur, weil Bisexualität nicht in die heteronormative Welt passt.
Genau dasselbe passiert, wenn wir davon ausgehen, dass nur Menschen polyamor sind, die auch tatsächlich in einer polyamoren Beziehung leben. Denn nur, weil jemand polyamor ist, heißt das nicht, dass er:sie immer in einer Beziehung mit mehreren Menschen sein muss. Andersrum kann jemand aber sehr wohl polyamor sein, obwohl er:sie in einer monogamen bzw. monoamoren Beziehung ist.
Warum das so selten gesagt wird
In einer Welt, in der Heterosexualität und Monogamie der Default-Modus sind, müssen sich immer nur die Menschen erklären oder rechtfertigen, die abseits der Norm leben und lieben. Entsprechend muss sich auch ein polyamorer Mensch erklären, der sichtbar monogam lebt, obwohl das nicht seiner Orientierung entspricht. Es passiert etwas Ähnliches, wie wir es aus der Bi-Erasure kennen: Eine Orientierung wird unsichtbar gemacht.
Mehr über Bi-Erasure kannst du hier lesen: Sichtbar unsichtbar — Bisexualität in einer heterosexuellen Beziehung
Polyamor sein und Bedürfnisse
Welche Bedürfnisse polyamore Beziehungen mitbringen
Polyamorie erfordert, dass du deine eigenen Bedürfnisse kennst, und dich nicht nur mit denen deines einen Beziehungsmenschen auseinandersetzt, sondern den Bedürfnissen von mehreren. Wo es manchmal schon schwierig ist, die Bedürfnisse von zwei Menschen zu vereinbaren, wird es bei mehr als zwei Menschen noch mal komplexer.
Polyamore Beziehungen erfordern abgesehen von den eigenen Bedürfnissen auch noch emotionale und zeitliche Kapazitäten, um Bedürfnissen überhaupt gerecht werden zu können und nicht im Daueralarmzustand zu sein.
Was passiert, wenn Bedürfnisse nicht zusammenpassen
Es kann durchaus passieren, dass die Bedürfnisse von drei oder mehr Menschen nicht zusammenpassen. Logisch, wenn es schon bei zwei Menschen zu Herausforderungen kommen kann. Drei oder mehr Bedürfnisse zu vereinen kann emotional und logistisch komplex sein.
Jeder Mensch hat allerdings ein Recht darauf, dass die eigenen Bedürfnisse erfüllt werden. Zurückzustecken, sich anzupassen oder Kompromisse einzugehen, wird dich auf die Dauer nicht glücklich machen. Vor allem auch unter der Prämisse, dass emotionale und zeitliche Kapazitäten vorhanden sein müssen, kann die Wahl einer monoamoren Beziehung manchmal die für den Zeitpunkt gesündere Wahl sein.
Wenn Liebe nicht reicht
Was meine Erfahrung mir gezeigt hat
Als mein Mann und ich unsere Beziehung geöffnet und für ein paar Monate in einer Triade — einer Beziehung zu dritt — waren, musste ich lernen, dass Liebe alleine manchmal nicht reicht, sondern eine Beziehung auch daran scheitern kann, dass die Bedürfnisse nicht alle zusammenpassen. Während mein Mann und ich am Ende nicht bereit waren, unser Fundament aufzugeben, wollte unsere Exfreundin Gleichberechtigung und keine hierarchischen Strukturen. Alle Bedürfnisse waren legitim und verständlich, haben aber im Grundsatz nicht zusammengepasst, weil sie zu unterschiedlich waren.
Die Entscheidung gegen ein Modell ist keine Entscheidung gegen deine Orientierung
Nur weil wir uns letztendlich gegen eine polyamore Beziehung entschieden haben und zurück in unsere monogamen Strukturen gegangen sind, heißt das nicht, dass meine polyamore Orientierung deswegen anders ist. Ich weiß, dass ich mehrere Menschen lieben kann und dass ich polyamor bin – auch wenn ich monogam lebe. Genauso, wie ich bisexuell bin, obwohl ich in einer heterosexuellen Beziehung bin.
Warum ich mich (vorerst) gegen Polyamorie entschieden habe
Die Liebe hat nicht gefehlt. Sie war da — tief, echt, intensiv. Und trotzdem habe ich mich am Ende gegen unsere polyamore Beziehung entschieden.
Nicht, weil ich nicht polyamor bin. Sondern weil mein Mann und ich gemerkt haben, dass wir unser Fundament nicht aufgeben wollen. Und weil Bedürfnisse manchmal einfach nicht zusammenpassen — auch wenn die Liebe stimmt.
Ob sich das irgendwann ändert, weiß ich nicht. Im Moment leben wir monogam. Aber wir reden. Über Bedürfnisse, über Wünsche, über das, was war und das, was vielleicht noch kommt. Und das fühlt sich für jetzt richtig an.




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