Liebe und Beziehungen jenseits von Normen und Regeln
Auch ich bin in einem heteronormativen monogamen Umfeld aufgewachsen und es hat 23 lange Jahre gedauert, bis ich verstand, dass ich nicht nur auf Männer stehe, sondern mir auch vorstellen kann, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben. Ich habe mich in Verbindungen mit Frauen und in offenen und polyamoren Strukturen erfahren und erkundet und bin aktuell in einer glücklichen heterosexuellen Monogamie mit meinem Mann.
Liebe ist fluid und wenn man gelernt hat, sich ohne Angst seinen eigenen Dämonen zu stellen und direkt und offen zu kommunizieren, dann kann sich Liebe in einer sicheren Umgebung entfalten. Und auch wenn man glücklich in einer Beziehung ist, darf man offen gegenüber von Entwicklung bleiben.
Auf dieser Seite erfährst du, was Liebe jenseits von Regeln und Normen wirklich bedeutet, was für verschiedene Beziehungsmodelle es gibt und was es braucht, um Liebe so zu lieben, wie sie sich für dich wirklich wahr anfühlt – nicht wie die Welt es von dir erwartet.
Außerdem findest du an vielen Stellen weiterführende Artikel, wenn du einzelne Themen noch tiefer erkunden möchtest.
Was du hier findest:
Was sind Beziehungsmodelle überhaupt?
Die meisten von uns sind mit einer fixen Vorstellung von Beziehung aufgewachsen: zwei Menschen, exklusiv, für immer, fast immer Mann und Frau. Doch Beziehungen sind so vielfältig wie die Menschen, die sie leben. Beziehungsmodelle sind keine starren Konstrukte – sie sind Orientierungspunkte, die uns helfen zu verstehen, wie wir lieben wollen. Und sie dürfen hinterfragt werden.
Warum wir überhaupt über Modelle sprechen
Wir Menschen fühlen uns wohler, wenn wir in Kategorien und Schubladen denken können. Auch in Beziehungen lieben wir es einen Namen für das zu haben, was wir fühlen und leben. Deswegen sprechen wir über Modelle. Verschiedene Beziehungsmodelle geben uns gewisse Rahmenbedingungen, an denen wir uns orientieren können. Sie geben uns Sicherheit.
Normen, Kultur und gesellschaftliche Prägung
Wir sind geprägt durch die Normen unserer Kultur und unserer Gesellschaft. Die Masse folgt den gleichen Regeln und das prägt unser Leben – auch unsere Liebe und unsere Beziehungen. Wir lernen früh, was „richtig“ ist, wie es sich gehört und was nicht sein sollte. Dabei vergessen wir, dass wir nicht nur das leben müssen, was uns vorgelebt wurde – sondern herausfinden dürfen, was für uns wahr ist.
Orientierung vs. Einschränkung
Für viele Menschen ist es schwierig, romantische Gefühle zu navigieren – und genau hier können Beziehungsmodelle Orientierung schenken. Schwierig wird es, wenn wir uns im Schubladendenken verlieren und aufhören, über den Tellerrand zu blicken. Dann können sie zu Einschränkung werden.
Warum es wertvoll ist, offen zu bleiben
Auch wenn das Bekannte Sicherheit geben kann, ist es wertvoll, offen zu bleiben. Denn oft verbergen sich auf der unbekannten Seite wertvolle Impulse. Wir müssen uns nicht strikt innerhalb festgelegter Rahmen bewegen. Wir dürfen unsere eigenen Regeln aufstellen und unseren eigenen Weg finden, denn wir sind alle Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen.
Normen, Prägungen und warum wir hinterfragen dürfen
Unser Leben und insbesondere auch unser Liebesleben ist dominiert von Normen und Prägungen. Doch entsprechen wirklich alle Normen und Prägungen uns als Individuen? Wir dürfen wieder lernen, mehr zu hinterfragen, um tatsächlich so zu leben und zu lieben, wie es uns entspricht – nicht, wie die Gesellschaft es gerne von uns sehen würde.
Woher kommt unsere Vorstellung von Liebe?
Die ersten Menschen, von denen wir Liebe erfahren, sind unsere Eltern. Je nachdem, wie unsere Bindung zu ihnen und noch viel wichtiger die Beziehung zwischen ihnen ist, bildet sich unser Bild davon, wie Liebe auszusehen hat. Basierend darauf folgen unsere ersten eigenen Erfahrungen in Sache Liebe, in der wir das ausleben, was wir zuvor gelernt haben.
Hier schreibe ich über meine Erfahrungen: Sichtbar unsichtbar – Bisexualität in einer heterosexuellen Beziehung
Was uns Märchen, Medien und Familie beigebracht haben
Was wir in Märchen, den Medien und vermutlich auch in unserer Familie früh gesehen und gelernt haben, ist die heteronormative monogame Beziehungskultur. Weil wir von Anfang an primär Beziehungen zwischen Mann und Frau kennenlernen, gehen wir schon früh davon aus, dass eine Beziehung zwischen zwei Menschen so auszusehen hat.
Hinterfragen als Akt der Selbstbestimmung
Zu hinterfragen, was uns beigebracht wurde, ist kein Akt der Rebellion – es ist ein Akt der Selbstbestimmung. Es bedeutet nicht, dass du alles ablehnen musst. Vielmehr bedeutet es, bewusst zu wählen, was wirklich zu dir passt, statt unbewusst zu wiederholen, was du gelernt hast.
Und auch im spirituellen Kontext darf man Konzepte hinterfragen. Mehr dazu hier: Meine Twin Flame Erfahrung: Das Konzept ist toxisch. Die Erfahrung ist real.
Was jenseits der Normen möglich ist
Jenseits der Norm liegt nicht das Chaos, sondern die Möglichkeit, Beziehungen so zu gestalten, wie sie sich für dich wirklich stimmig anfühlen. Ob das eine bewusst gelebte Monogamie ist, eine offene Beziehung oder etwas ganz eigenes – es gibt kein richtig oder falsch. Es gibt nur das, was für dich wahr ist.
Sexualität, Identität und queere Liebe
Wir leben in einer Welt, die zwei Geschlechter kennt und eine Liebesform als Standard gesetzt hat. Dass die Realität bunter, vielfältiger und komplexer ist, wissen die meisten, und trotzdem wird queere Liebe und Identität noch immer zu oft ignoriert, belächelt oder aktiv kleingehalten. Das darf sich ändern.
Was bedeutet „queer“?
Queerness ist ein Sammelbegriff für sämtliche Orientierungen jenseits der Norm. Es gibt Menschen, die keine Lust haben, sich selbst in Schubladen zu stecken. Stattdessen verwenden sie lieber einen Begriff, der nicht klar einordnet, was ihre sexuelle oder romantische Orientierung oder Geschlechtsidentität ist, aber trotzdem klar benennt, dass sie nicht nur heterosexuell oder cisgender sind. Queer sein bedeutet nicht, sich erklären zu müssen. Es bedeutet, sich selbst treu zu bleiben – jenseits von dem, was die Norm vorschreibt.
Ein Glossar vieler Begriffe findest du hier: Polyamorie, offene Beziehung, pansexuell? Queere Begriffe erklärt.
Sexuelle Orientierung und romantische Orientierung – ein Unterschied
Oft wird die sexuelle Orientierung als die einzige Orientierung wahrgenommen. Dabei muss die sexuelle Orientierung – also von welchen Menschen du dich sexuell angezogen fühlst – nicht mit der romantischen Orientierung – also in welche Menschen du dich verliebst und eine romantische Verbindung aufbaust – übereinstimmen. Du kannst zum Beispiel nur Sex mit Männern fühlen, dich aber auch in Frauen verlieben oder andersherum.
Warum Gendern mehr als Feminismus ist
Viele Denken, beim Gendern geht es einzig und alleine darum, Frauen in die Sprache zu inkludieren. Doch während das sicherlich auch der Fall ist, stimmt das nicht ausschließlich. Denn mit dem Gender-Sternchen werden zum Beispiel sowohl Frauen als auch Männer, aber AUCH alle anderen Gender eingeschlossen. Deswegen sind Phrasen wie „Sehr geehrte Damen und Herren…“ auch nicht inklusiv genug, obwohl auch explizit Frauen angesprochen werden.
Liebe jenseits heteronormativer Rollenbilder
Liebe jenseits heteronormativer Rollenbilder ist bunt. Es existiert nicht mehr nur die Dualität von Mann und Frau, sondern ein ganzes Spektrum. Von den verschiedensten sexuellen und romantischen Orientierungen über verschiedene Identitäten hin zu unterschiedlichen Konstellationen verschiedener Menschen kommt außerdem hinzu, dass einige Menschen sich als fluide identifizieren. Liebe jenseits der Norm ist keine Ausnahme – sie ist ein Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung.
Sichtbarkeit, gesellschaftliche Entwicklung und Akzeptanz
Menschen, die nicht direkt betroffen sind, denken immer, dass die Akzeptanz von alternativen Orientierungen und Identitäten bereits großflächig etabliert ist. Dass dies nicht unbedingt immer der Fall ist, merkt man oft erst, wenn man Liebe jenseits der Norm lebt. Man bekommt im besten Fall komische Blicke, im schlechtesten Fall wird man angefeindet. In der Gesellschaft darf nach wie vor viel Entwicklung passieren. Und jede:r, der:die queere Liebe offen lebt, trägt dazu bei – ob gewollt oder nicht. Noch krasser ist es im Ausland, wo queere Liebe zum Teil immer noch unter Strafe steht.
Monogamie – bewusst betrachtet
Monogamie ist unsere Default-Beziehung. Doch auch hier dürfen wir bewusst hinschauen und hinterfragen. Eine bewusst gewählte und gelebte Monogamie hat genauso viel Entwicklungspotential wie andere Beziehungsmodelle und erfordert mindestens genauso viel Mut, Selbstreflexion und Kommunikation. Vielleicht sogar mehr. Denn in einer Monogamie erwartet niemand von dir, sie zu hinterfragen, weil die Gesellschaft dir sagt, dass du bereits alles richtig machst. Doch auch eine Beziehung, die nicht bewusst gewählt wird, ist keine freie Entscheidung.
Was Monogamie wirklich bedeutet – und was nicht
Monogamie bedeutet, sich bewusst für einen Menschen zu entscheiden – mit allem, was dazu gehört. Exklusivität, Verbindlichkeit und Vertrauen. Was sie nicht bedeutet: Besitzanspruch. Eine monogame Beziehung ist keine Garantie, den anderen zu „haben“. Sie ist eine täglich erneuerte Entscheidung füreinander.
Warum sie für viele Menschen funktioniert
Für viele Menschen funktioniert Monogamie gut, weil sie die nötige Sicherheit gibt, um sich emotional vollständig auf einen Menschen einlassen zu können. Die Energie konzentriert sich auf eine Verbindung, was Tiefe schaffen kann, die in anderen Modellen mehr bewusste Arbeit erfordert. Für Menschen, die Sicherheit als Grundbedürfnis haben, ist Monogamie oft die stimmigste Wahl.
Sicherheit, Exklusivität und Verbindlichkeit
Monogamie kann durch Exklusivität und Verbindlichkeit echte Sicherheit schenken, da keine offensichtliche „Konkurrenz“ mit anderen Menschen besteht. Es gibt einen klaren Rahmen und eine gemeinsame Richtung. Dass diese Sicherheit oft mehr Schein als Sein ist, sieht man daran, wie viele Menschen trotzdem ihre:n Partner:in betrügen – nicht weil Monogamie falsch ist, sondern weil sie oft unreflektiert gelebt wird.
Wenn Monogamie nicht mehr passt – und was das nicht bedeutet
Nur weil Monogamie gerade nicht zu passen scheint, bedeutet es nicht, dass sie nie gepasst hat oder nie wieder passen wird. Liebe ist fluid. Sie verändert sich mit uns, mit unseren Bedürfnissen und mit den Menschen, die wir lieben. Manchmal braucht es einen ehrlichen Blick darauf, ob das Modell nicht mehr passt – oder ob es die Arbeit an sich selbst und der Beziehung ist, die aussteht.
Beziehungsöffnung und offene Beziehung
Eine bestehende Beziehung zu öffnen ist nicht einfach eine Entscheidung dafür, mehr Intimität mit anderen Menschen zu genießen. Zuallererst ist es das Commitment, alles, was du je über Beziehungen gelernt hast und zu wissen glaubst, wieder zu verlernen. Es ist das Commitment an dich und dein:en Partner:in, sich bewusst mit den eigenen Themen auseinander zu setzen und bestehende Ängste und Traumata zu transformieren. Denn ohne dieses Commitment, kann eine offene Beziehung schnell zu einer Bruchlandung werden.
Was bedeutet eine offene Beziehung?
Eine offene Beziehung bedeutet, dass ihr offen für sexuelle Verbindungen mit Menschen außerhalb eurer Partnerschaft seid. Wie die offene Beziehung dann in der Realität aussieht und ausgelebt wird, ist so individuell wie wir Menschen. Je nach Absprachen zwischen dir und deine:r Partner:in ist alles außerhalb einer klassischen geschlossenen Monogamie möglich.
Offene Beziehung vs. Polyamorie – wo ist der Unterschied?
Während es bei einer offenen Beziehung primär um die körperliche Verbindung mit mehr als einem Menschen geht, geht es bei Polyamorie darum, mehr als einen Menschen lieben zu können. Hier geht es um die emotionale Verbindung. Was natürlich nicht heißt, dass es in der Polyamorie nicht auch um die körperliche Verbindung gehen kann.
Warum Öffnung kein Beziehungspflaster ist
Dass eine Beziehungsöffnung eine Beziehung retten kann, die sowieso schon auf wackeligen Beinen steht, ist eine Illusion. Eine Öffnung ist kein Beziehungspflaster, denn sie wird sämtliche Themen, die zwischen euch stehen, noch sichtbarer machen. Eine Öffnung kann vielmehr als Taschenlampe dienen. Und nur, wenn ihr bereit seid, wirklich hinzuschauen, könnt ihr stärker daraus hervorgehen.
Vereinbarungen als lebendige Grundlage
Vereinbarungen, die ihr zu Beginn trefft, sind nicht in Stein gemeißelt und sollten es auch niemals sein. Denn während eurer Reise in die Beziehungsöffnung wird Vieles überhaupt erst sichtbar werden und es ist essentiell, flexibel zu bleiben. Das Wichtigste ist die angstfreie und ehrliche Kommunikation zwischen euch als Paar. Nur so könnt ihr Vereinbarungen jederzeit so anpassen, dass ihr beide wirklich dahinterstehen könnt.
Hier kannst du mehr über die nötigen Skills in einer offenen oder polyamoren Beziehung lesen: 3 Skills, die man für eine nicht-monogame Beziehung zwingend braucht – und auch in monogamen Beziehungen beherrschen sollte
Polyamorie – mehrere Liebesbeziehungen bewusst leben
Paradoxerweise können sich viele Menschen Sex mit mehreren Menschen vorstellen, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben aber nicht. Dabei ist Liebe keine begrenzte Ressource, denn sie wächst, je mehr man sie gibt. Polyamorie bedeutet nicht, die Liebe aufzuteilen. Es bedeutet, sie zu vermehren.
Was Polyamorie wirklich bedeutet
Polyamorie gibt es in vielen verschiedenen Formen und Konstellationen – von der Triade, in der alle drei Menschen miteinander verbunden sind, bis hin zu parallelen Beziehungen, die voneinander getrennt gelebt werden. Was sie alle eint, ist die gleichzeitige, bewusste und ethische Liebe zu mehreren Menschen. Polyamorie ist kein Fremdgehen mit Erlaubnis – sie ist eine vollwertige Beziehungsform, die genauso viel Tiefe, Verbindlichkeit und Vertrauen erfordert wie jede andere.
Ethische Nicht-Monogamie – Transparenz und Einvernehmlichkeit
Es gibt zwei Voraussetzungen für ethische Non-Monogamie (ENM) wie offene Beziehungen oder Polyamorie – und das sind Transparenz und Einvernehmlichkeit. Es geht nicht, dass nur eine:r der Partner:innen die Beziehung öffnen und Liebe oder Sex außerhalb der Partnerschaft erkunden will, und schon gar nicht, dies hinter dem Rücken zu tun. Das hat nichts mit ethischer Non-Monogamie zu tun, sondern ist Betrug.
Zeit, Energie und emotionale Reife
Weitere Voraussetzungen für ENM sind Zeit, Energie und Reife, denn auch wenn die Vorstellung davon oft rosa-rot ist, ist die Realität mit jeder Menge Beziehungsarbeit verknüpft. Dafür braucht es genügend zeitliche und emotionale Kapazitäten. Sind diese nicht gegeben, kann es deutlich leichter passieren, dass das Nervensystem überreagiert und der Versuch schneller scheitert. Polyamorie funktioniert nicht trotz der Herausforderungen, sondern durch den Mut, ihnen ins Gesicht zu schauen.
Was Polyamorie über dich und deine Bedürfnisse lehrt
In der Monogamie bleiben viele Bedürfnisse unsichtbar, weil wir gelernt haben, Kompromisse zu machen, ohne sie überhaupt erst zu benennen. In der Polyamorie wird das schwieriger. Mehrere Menschen, mehrere Dynamiken, mehrere Spiegel. Was du wirklich brauchst, zeigt sich schneller – und deutlicher. Das kann herausfordernd sein. Und gleichzeitig ist es eines der wertvollsten Geschenke, die dir Polyamorie machen kann.
Kommunikation, Grenzen und Vereinbarungen
Was in der Monogamie Grundlage sein sollte, ist in einer nicht-monogamen Beziehung unabdingbar: offene Kommunikation, gesunde Grenzen und Vereinbarkeit. Denn je mehr Menschen in einer Beziehung zueinander sind, desto komplexer wird das System. Es gibt mehr Bedürfnisse und Grenzen, die zusammenpassen müssen, mehr Spiegel, die eigene Themen ans Tageslicht befördern, und nicht ausgesprochene Worte haben sehr viel kürzere Beine.
Warum Ehrlichkeit hier keine Option, sondern Voraussetzung ist
Ehrlichkeit ist nicht nur für deine Beziehungsmenschen wichtig, sie ist es insbesondere auch für dich. Denn, während du dich in der Monogamie noch auf Exklusivität verlassen und ausruhen kannst, gibt es dieses Privileg in der Nicht-Monogamie nicht. Damit deine Bedürfnisse und Grenzen nicht hintenüber fallen, MUSST du ehrlich kommunizieren. Ehrlichkeit ist also in jeder Hinsicht keine Option, sondern Voraussetzung.
Grenzen in nicht-monogamen Beziehungen – und wie sie sich verändern dürfen
Auch wenn ihr anfangs gewisse Grenzen oder Regeln in eurer nicht-monogamen Beziehung festlegt, so sollte euch bewusst sein, dass sich diese mit der Zeit verändern werden. Denn mit der Zeit verändern sich Sichtweisen, eure Beziehung wird im besten Fall stabiler und sicherer und ihr lernt viel über euch selbst und eure Bedürfnisse. Es bedarf also einer kontinuierliche Neujustierung, damit sich alle wohl- und gesehen fühlen.
Emotionale Sicherheit bewusst schaffen
Eine der wichtigsten Grundlagen für eine nicht-monogame Beziehung ist die emotionale Sicherheit. Nur in einer emotional sicheren Umgebung kann das Nervensystem reguliert bleiben und es kann aus einer gewissen emotionalen Klarheit heraus kommuniziert und entschieden werden. Wichtig ist es also, bewusst für die emotionale Sicherheit jedes Einzelnen zu sorgen – sei es durch Rituale, Kommunikation oder andere Methoden. Das kann ein wöchentliches Check-In-Gespräch sein, eine klare Vereinbarung darüber, wie ihr Konflikte führt, oder einfach das bewusste Aussprechen von Dankbarkeit und Wertschätzung füreinander.
Warum all das auch die Grundlage monogamer Beziehungen sein sollte
Auch in monogamen Beziehungen sollte die emotionale Sicherheit priorisiert werden. Denn mit emotionaler Sicherheit steigt das Vertrauen und verlieren Emotionen wie Eifersucht oder Verlustängste an Macht. Wenn emotionale Sicherheit auch in der Monogamie die Grundlage ist, können Menschen wirklich ankommen – bei sich selbst und beim anderen.
Eifersucht verstehen und bewusst damit umgehen
Rund um das Thema Eifersucht gibt es zahlreiche Glaubenssätze und Missverständnisse, was häufig zu Konflikten innerhalb von Beziehungen führt. Während die einen vor Eifersucht schier ausrasten und in Kontrollmechanismen flüchten, meinen andere, dass Eifersucht zu einer gesunden Beziehung dazugehören. Dabei ist Eifersucht erstmal nur eins, nämlich eine Emotion, die etwas sichtbar macht. Und erst der richtige Umgang mit ihr, macht sie zu etwas Wertvollem.
Was ist Eifersucht wirklich?
Eifersucht ist eine Emotion, die etwas in dir sichtbar macht à la „Hier läuft gerade etwas nicht so, wie es sich sich für dich richtig anfühlt.“ Dabei darf man genau hinschauen, was die Eifersucht eigentlich wirklich zeigen will. Sind es Verlustängste, die hochkommen? Sind es Bedürfnisse, die übergangen werden? Oder ist es etwas ganz anderes? Was es auch ist, es ist die Einladung, nach Innen zu gehen und hinzuspüren, und die Aufforderung, bewusst mit deinem Gegenüber zu kommunizieren.
Eifersucht als Hinweis statt Feind
Eifersucht ist nicht dein Feind. Denn auch wenn sie etwas in dir sichtbar macht, das offensichtlich gesehen und gefühlt werden will, so stellt sie auch immer die Chance zur Weiterentwicklung dar. Oft zeigt die Eifersucht, wo noch etwas geheilt oder transformiert werden möchte. In jedem Fall schafft sie Bewusstsein, wenn man den Mut hat hinzuschauen.
Was Eifersucht über deine Bedürfnisse verrät
Aufkommende Eifersucht verrät dir auch immer etwas über deine Bedürfnisse. Denn wären all deine Bedürfnisse gedeckt, würde sie nicht aufflammen. Ob die Bedürfnisse jedoch auf inneren Verletzungen und Traumata beruhen, oder auf gänzlich gesunden Umständen, gilt es zu klären. Aber erstmal ist Eifersucht ein Spiegel dafür, wo dir etwas „fehlt“.
Strategien im bewussten Umgang mit Eifersucht
Jeder Mensch erfährt Eifersucht und sie ist nicht unser Feind. Daher dürfen wir lernen, gesund mit ihr umzugehen. Statt kontrollieren zu wollen, können wir schauen, wo unsere Unsicherheiten eigentlich wirklich herkommen. Oder statt verbal wild um uns zu schlagen, können wir lernen, gesund zu kommunizieren und die aufkommenden Themen bewusst anzusprechen. Wir dürfen nach und nach unsere eigenen Strategien für einen bewussten Umgang mit Eifersucht finden.
Compersion – Freude statt Eifersucht
Was, wenn wir uns für unsere Beziehungsperson freuen könnten statt Eifersucht zu empfinden, wenn sie sich mit jemand anderem trifft und verbindet – egal ob emotional oder körperlich? Compersion beschreibt genau das und ist gleichzeitig für viele ungewohnt, da wir mit einem Verständnis aufgewachsen sind, in dem Exklusivität eine zentrale Rolle spielt.
Was ist Compersion?
Compersion beschreibt das Gefühl, sich mitzufreuen, wenn eine Person, die man liebt, Freude mit jemand anderem erlebt. Compersion bedeutet nicht, dass keine Gefühle wie Unsicherheit, Eifersucht oder Angst existieren. Es bedeutet auch nicht, dass man alles gutheißen muss. Vielmehr beschreibt es die Möglichkeit, neben diesen Gefühlen auch Freude für andere zu empfinden – und beide Perspektiven gleichzeitig halten zu können.
Warum Compersion erlernbar ist
Compersion entsteht nicht von heute auf morgen. Sie entwickelt sich durch Reflexion, durch Erfahrung und durch den bewussten Umgang mit den eigenen Emotionen. Wenn wir verlernen, dass Partnerschaft Exklusivität bedeutet, und wir eine innere Sicherheit entwickeln, können wir auch Compersion lernen.
Compersion in der Praxis – wie sie sich anfühlt
Compersion fühlt sich für jeden unterschiedlich an. Es ist eine Mischung aus Freude für die andere Person, innere Weite statt Enge, emotionaler Verbundenheit und einer gewissen Gelassenheit. Es bedeutet nicht, dass andere Gefühle verschwinden. Man kann gleichzeitig Eifersucht, Unsicherheit oder Verlustangst fühlen UND trotzdem Freude für die andere Person.
Was Compersion über deine innere Freiheit sagt
Du wirst innerlich freier, denn du lernst von Besitzdenken zu Verbundenheit zu switchen, von Bedrohung zu Vertrauen und von Vergleich zu Akzeptanz. Es ist der Gedanke, dass Liebe nicht weniger wird, nur weil sie geteilt wird. Du kannst deine Beziehungsperson lieben – und trotzdem loslassen, ohne dass eure Verbindung schwächer wird.
Wie du herausfindest, was zu dir passt
Herauszufinden, was zu dir passt, ist ein Prozess. Es ist die Reise zu dir selbst, die den Beginn davon darstellt. Erst wenn du weißt, wer du wirklich bist und was deine Bedürfnisse und Grenzen sind, kannst du erkennen, welches Beziehungsmodell zu dir passt. Und auch dann ist es eine stetige Ent-wicklung und ein stetiges Neujustieren. Denn je mehr Erfahrungen du sammelst, desto deutlicher wirst du wissen, was du willst – und was nicht.
Selbstreflexion als Ausgangspunkt
Ehrliche Selbstreflexion ist der Ausgangspunkt. Nur wenn du wirklich und ehrlich hinschaust und reflektierst, wirst du mit der Zeit erkennen können, was du brauchst. Du musst zunächst dich selbst erkennen und verstehen, ehe du im Außen die für dich richtige Liebe findest. Je nachdem, wie klar du im Inneren bist, desto klarer kannst du im Außen werden und entsprechend die für dich richtigen Menschen in dein Leben ziehen.
Deine Bedürfnisse ehrlich prüfen – jenseits von Erwartungen
Du darfst dich von den Erwartungen anderer lösen und ehrlich prüfen, was DU brauchst. Oft kennen wir unsere eigenen Bedürfnisse nicht mal wirklich, weil wir uns immer nur am Außen orientiert haben. Wir dürfen sämtliche Erwartungen loslassen und offen für Neues sein.
Das Gespräch mit Partner:innen suchen
Sprich mit deine:r Partner:in oder deinen Partner:innen. Nur, indem wir offen kommunizieren, was uns auf dem Herzen liegt, kann unser Gegenüber wirklich verstehen, wo wir stehen und was wir brauchen. Niemand kann Gedanken lesen. Das Gespräch zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Mut und Selbstverantwortung.
Bewusste Entscheidung statt Automatismus oder Anpassung
Das vielleicht Mutigste, was du in Sachen Liebe tun kannst, ist eine bewusste Entscheidung zu treffen – nicht, weil es erwartet wird, nicht weil alle es so machen, sondern weil es sich für dich richtig anfühlt. Beziehungen, die aus Automatismus oder Anpassung entstehen, tragen selten wirklich. Beziehungen, die bewusst gewählt werden, haben ein Fundament.
FAQ
Hier findest du oft gestellte Fragen und ihre Antworten:
Ist Monogamie besser als Polyamorie?
Keine Beziehungsform ist besser oder schlechter. Sowohl Monogamie als auch Polyamorie haben ihre Chancen und ihre Herausforderungen. Und je nachdem, was für Bedürfnisse du hast, kann das eine oder das andere besser zu dir passen. Wichtig ist nur die bewusste Entscheidung.
Kann man das Beziehungsmodell wechseln?
Nur weil du dich heute in einer Monogamie oder Polyamorie oder offenen Beziehung wohlfühlst, muss das nicht für immer so sein. Du entwickelst dich weiter, triffst unterschiedliche Menschen und so kann sich auch dein Bedürfnis für ein bestimmtes Beziehungsmodell ändern.
Wie offen muss ich mit meinem Gegenüber über meine Bedürfnisse und Wünsche sein?
Je offener du mit deinem Gegenüber sein kannst, desto wahrscheinlicher ist es, dass deine Bedürfnisse und Wünsche gehört und erfüllt werden. Auch wenn Offenheit Mut erfordert, wird sie meistens belohnt.
Ist Eifersucht normal?
Eifersucht ist komplett normal – ganz gleich in welcher Beziehungsform du bist. Sie ist lediglich ein Gefühl, das etwas sichtbar machen will. Der bewusste Umgang mit ihr, kann dich in deiner Entwicklung unterstützen.
Was ist Compersion und wie entwickle ich sie?
Compersion ist das Gefühl von Freude für eine Person, die man liebt, wenn sie Freude mit einem anderen Menschen erlebt. Compersion kannst du durch Reflexion, Erfahrung und den bewussten Umgang mit deinen Emotionen entwickeln.
Wie funktioniert Kommunikation in offenen Beziehungen?
Ehrliche und offene Kommunikation in offenen Beziehungen ist das A und O. Ihr braucht klare Vereinbarungen und Absprachen. Taten hinter dem Rücken, ohne das Wissen de:r Partner:in ist der Anfang vom Ende – oder zumindest der Beginn von einer Menge Beziehungsarbeit.