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Sichtbar unsichtbar – Bisexualität in einer heterosexuellen Beziehung

  • 15. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Ich bin seit sieben Jahren glücklich mit meinem Mann verheiratet. Und bisexuell. Viele wissen erstmal nur das Erste über mich. Weil es offensichtlich ist. Weil die Gesellschaft heteronormativ geprägt ist und eine heterosexuelle Beziehung der Default-Modus ist. Dabei lässt sich Sexualität nicht am Aussehen ablesen. Und heterosexuell bin ich nicht – auch wenn es so aussieht.


Flagge, die für Bisexualität steht

Bisexualität in einer heterosexuellen Beziehung – das Privileg, das sich falsch anfühlt


Ja, es hat gesellschaftlich gesehen Vorteile, wenn man nicht aus dem Raster fällt. Auch, wenn man in einer monogamen heteronormativen Beziehung ist. Es bedarf weder eines ewigen Outings der eigenen Sexualität, noch wird die Beziehung je kritisch hinterfragt. Man wird in der Öffentlichkeit nicht für Intimität komisch angeschaut oder im schlimmsten Fall angefeindet. Man muss auch nicht darauf achten, ob die eigene Sexualität in jenem Land unter Strafe steht, wenn man einen Urlaub planen will. Und gleichzeitig schwingt da etwas mit, das dieses Privileg sich falsch anfühlen lässt.

Sollten nicht alle Menschen diese Privilegien haben? Warum müssen manche Menschengruppen sich ständig outen oder ihre Liebe rechtfertigen? Warum muss jemand wegen der Sexualität abwägen, ob er:sie in dieses Land verreisen will?

Ich empfinde es als absolut ungerecht, sodass sich mein Privileg manchmal, in bewussten Momenten, falsch anfühlt.


Bi-Erasure – unsichtbar, unverstanden, unter Verdacht


Stell dir eine Diskokugel vor, der die Hälfte ihrer Glitzersteinchen fehlen. So kann sich Bi-Erasure anfühlen. Du liebst und fühlst dich eigentlich mehr als nur von einem Geschlecht angezogen, aber nach außen sichtbar ist immer maximal eine Seite. Für mich als bisexuelle Frau in einer heterosexuellen Beziehung bin ich immer erstmal heterosexuell – es sei denn ich oute mich irgendwann aktiv und rede über meine Sexualität. In der Regel ist das allerdings nicht das Gesprächsthema für jede Person und zu jedem Zeitpunkt. Durch die automatische Einsortierung in eine bestimmte Schublade fehlt permanent eine Facette von mir – eben die Glitzersteinchen der anderen Hälfte meiner Diskokugel.

Für viele bedeutet Bi-Erasure oft noch mehr als das: Vorurteile wie „Das ist nur eine Phase.“ oder „Du kannst dich einfach nicht entscheiden.“. Das Unverständnis für die eigene Orientierung, die so einen bedeutenden Teil der Identität ausmacht.

Oder noch härter: Die stille Angst de:r Partner:in, dass plötzlich nicht nur die eine Hälfte der Menschheit eine Gefahr für die Beziehung darstellen könnte, sondern auch noch weitere Menschen. Dabei hat die Bisexualität nur wegen der vermeintlich größeren Auswahl nicht im Geringsten etwas mit Treue oder Commitment zu tun.

Auch unserem Kind würde ich viel lieber eine buntere Welt vorleben, damit er nicht automatisch in die Falle der Normativität tappt. Gar nicht so leicht, wenn er in genau der gleichen Konstellation aufwächst, wie die Masse der Gesellschaft. Aber ich gebe mein Bestes: Durch Gespräche, durch Geschichten und durch das Teilen meiner Erfahrungen.


Der Teil von mir, der keinen Raum hatte


Warum ich eine Beziehung mit einer Frau brauchte, um mir selbst zu glauben


Auch ich bin in einem heteronormativen Umfeld aufgewachsen und hatte ab dem Alter von 15 Jahren fast durchgängig eine heterosexuelle Beziehung. So kam ich gar nicht aktiv dazu, meine Sexualität zu hinterfragen. Erst mit etwa 23 Jahren habe ich damit angefangen. Zu dem Zeitpunkt war ich noch in der langjährigen Beziehung mit meinem damaligen Freund und so hatte ich keine Möglichkeit, meine Vermutungen zu validieren. Und ja, ich musste meinem Kopf erst beweisen, dass ich tatsächlich nicht nur auf Männer stehe, damit er es wirklich und wahrhaftig glauben konnte. Diese Chance bekam ich zum Glück in einer kurzen Liaison mit einer Frau nach dem Beziehungsaus, was mir eine weitere Facette von mir zurückgab.


Drei Monate, in denen ich mich zum ersten Mal vollständig bi gefühlt habe


Auch wenn es nur der Versuch war, eine Triade zu bilden – und sie am Ende gescheitert ist – habe ich mich in diesen drei Monaten zum ersten Mal vollständig bisexuell gefühlt. Mit allem, was dazu gehört. Zum ersten Mal war ich nicht ent- oder -weder. Entweder heterosexuell oder lesbisch. Beide Aspekte hatten gleichwertig ihren Platz. Ich hatte nicht mehr nur das Privileg einer heterosexuellen Beziehung, die von niemandem hinterfragt wird und  bei der ich mich nicht erklären muss – ich hatte plötzlich auch alle Herausforderungen, die mit einer nicht-normativen Beziehung einhergehen. Auf einmal musste ich mich wieder aktiv outen, wenn ich wollte, dann man meine Freundin als feste Freundin wahrnahm. Ich musste mich mit meiner Wirkung nach außen auseinandersetzen – und mit den Blicken, wenn ich meine Freundin in der Öffentlichkeit küsste. Und wenngleich dies mein Nervensystem in Alarmbereitschaft versetzt hat und es mich Überwindung kostete, war die gesamte Erfahrung befreiend, weil ich mich zum ersten Mal in meiner Sexualität vollkommen gefühlt habe. Vollkommen sichtbar. Vollkommen verstanden. Und vollkommen in mir.


Ich bin bi – auch ohne Beweis


Meine Bisexualität ist nicht „nur eine Phase“ und ich bin auch nicht nicht lesbisch genug, nur weil ich in einer heterosexuellen Beziehung bin. Das weiß ich. Doch selbst ich bin schon ins Grübeln gekommen, wenn ich über längere Zeiten keine Berührungspunkte mehr mit meiner zweiten Seite hatte. Und bitte versteh mich nicht falsch: Ich bin überglücklich in meiner Partnerschaft. Ich liebe meinen Mann über alles und ich liebe uns als Team. Trotzdem braucht es manchmal auch für mich den Reminder, dass da noch eine weitere Seite in mir schlummert. Eine, die vielleicht einfach andere Wege des Ausdrucks finden darf – wie in diesem Beitrag. Damit wir Bisexuellen uns nicht unsichtbar fühlen, auch wenn wir in einer glücklichen heterosexuellen Beziehung sind.


Disclaimer:

Bisexualität bedeutet nicht, dass ich „auf zwei Geschlechter, also Mann und Frau, stehe“. Auch das ist eine normative Perspektive der breiten Masse darauf. Bisexualität beschreibt die sexuelle Anziehung zu dem selben und mindestens einem weiteren Geschlecht. Für mich ist es weniger eine Frage des Geschlechts, als mehr eine Frage der Energie, die ein Mensch ausstrahlt. Insofern könnte ich mich auch als pansexuell oder queer labeln – ich bleibe aber meistens bei bisexuell, weil das weniger Erklärung bedarf und ich nicht immer Lust darauf habe, auch das noch erklären zu müssen.

Schau gerne auf der Seite Liebe und Beziehungen jenseits von Normen und Regeln vorbei, um mehr darüber zu erfahren.

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