Schweigen in Beziehungen – der unsichtbare Preis
- 15. Apr.
- 6 Min. Lesezeit
Es gibt Dinge, die du nicht sagst. Vielleicht weil du dich schützen willst. Vielleicht aus Scham. Vielleicht weil du nicht weißt, wie. Und während du schweigst, interpretiert dein Gegenüber. Fühlt. Zieht sich zurück. Dein Schweigen spricht in Beziehungen lauter, als du denkst – nur nicht das, was du willst.

Du willst, dass dein Gegenüber offen ist – aber bist du’s?
Ich bin ein ziemlich offener Mensch – aber wenn du mir nichts von dir erzählst, wirst du von mir auch nicht viel hören. Das hat nichts damit zu tun, dass ich dann bockig bin oder es als Ungleichgewicht empfinde. Das geht viel tiefer.
Denn sprichst du etwas nicht aus, dann schwebt das zwischen uns. Es ist nicht einfach abwesend, nur weil du nichts sagst, es ist trotzdem da. Mit dem Unterschied, dass ich erspüren, erraten oder interpretieren darf, was es denn nun eigentlich ist.
Werde ich in so einer Situation viel von mir selbst preisgeben? Nein. Ich weiß ja schließlich nicht, was da zwischen uns im Raum steht.
Meistens läuft das nicht mal bewusst ab. Unser Unterbewusstsein fühlt, wenn etwas nicht ausgesprochen wird, und genauso unbewusst fällt dann die Reaktion aus.
Schweigen in Beziehungen hat viele Gesichter – und alle kosten etwas, manchmal sogar die Beziehung selbst
Du kannst aus vielen verschiedenen Gründen dich dazu entscheiden zu schweigen. Und niemand kann von dir erwarten, dass du sprichst. Es ist ganz alleine deine Entscheidung, ob und wann du es tust – oder ob du vielleicht lieber für immer schweigst.
Die Konsequenz entsteht trotzdem. Egal, ob du verantwortlich für etwas bist oder nicht. Und jedes Schweigen hat seinen Preis.
Schweigen aus Unsicherheit
Vielleicht schweigst du, weil du unsicher bist. Unsicher, was du sagen sollst. Unsicher, wie dein Gegenüber reagiert. Oder unsicher, weil du einfach noch nicht sicher in dir bist. Das ist vollkommen valide. Und niemand möchte dir das absprechen. Vielleicht brauchst du auch einfach ein bisschen Zeit.
Was dadurch aber passieren kann, ist dass dir Nähe verloren geht. Dass du eine Distanz schaffst, die du gar nicht willst. Und auch wenn es sehr viel Überwindung und Selbstvertrauen benötigen kann: Du darfst auch die noch nicht zuende gedachten Dinge aussprechen. Du darfst sagen, dass du dir deswegen unsicher bist. Wir sind Menschen. Vermutlich war dein Gegenüber schon mal in der gleichen Situation und versteht dich besser, als du denkst.
Und gleichzeitig lässt du euch dadurch wieder näher zusammenrücken.
Schweigen aus Scham
Vielleicht schweigst du, weil du dich für etwas schämst. Vielleicht fühlt es sich für dich noch viel beschämender an, wenn du es erstmal ausgesprochen hast und nicht wieder unsichtbar machen kannst. Das ist vollkommen menschlich.
Dadurch kann es aber passieren, dass du nicht mehr wahrhaftig gesehen wirst. Jeder Teil gehört zu dir, auch die Teile, die sich unangenehm anfühlen. Again: Wir sind Menschen. Wir machen Erfahrungen. Wir lernen aus Fehlern. Das gilt nicht nur für dich, das gilt für uns alle. Daher betrachte es doch mal aus einer neuen Perspektive: Was, wenn das, wofür du dich schämst, deinem Gegenüber vielleicht sogar helfen kann, nicht denselben Fehler zu machen? Du könntest zwei Vorteile gleichzeitig daraus ziehen: anderen helfen und selbst in deiner Ganzheit wieder wahrgenommen werden.
Schweigen aus Selbstschutz
Dieses Schweigen ist vermutlich das schmerzhaftete: aus Selbstschutz. Wenn du aus Angst etwas nicht sagst, um dich selbst damit zu schützen, ist das absolut valide. Wenn dir die Beziehung allerdings am Herzen liegt – egal ob Freundschaft, Partnerschaft oder ganz anders –, dann kann dein Schweigen dich eure Verbindung kosten. Etwas Substantielles beschäftigt dich, aber du kannst es einfach nicht ansprechen. Was du also erstmal tun kannst: Finde heraus, warum du dich selbst schützen willst. Ist deine Angst real, könnte dir sonst etwas angetan werden? Dann darfst du noch mal reinfühlen, ob dieser Mensch wirklich der richtige für dich ist. Basiert deine Angst eigentlich gar nicht auf der realen Situation, sondern auf Traumata, Prägungen oder Erfahrungen? Dann nimm diese Angst als deine an. Umarme sie. Und trau dich, darüber zu sprechen.
Schweigen aus Gewohnheit
Wenn ihr euch immer weniger zu sagen habt, immer weniger miteinander teilt und Schweigen zur Gewohnheit wird, dann verliert eure Beziehung an Tiefe. Denn dann ist es wahrscheinlich, dass ihr auch eure intimsten Gedanken nicht mehr miteinander teilt. Das, was euch gerade im Inneren bewegt. Die Verbindung zwischen euch flacht immer weiter ab und am Ende ist das Schweigen so groß, dass die Nähe quasi nicht mehr existiert.
Es gibt wunderbare Methoden, um dem entgegen zu wirken. Denn ganz ehrlich? Im Alltag können wichtige Gespräche schon mal unter den Tisch fallen. Kleine Rituale, feste Zeiten, zu denen ihr euch commitet, euch auszutauschen. Damit euer Schweigen nicht zu eurer Normalität wird. Und eure Verbindung wieder an Tiefe gewinnen kann.
Schweigen als Strafe
Schweigen als Strafe: ein Mechanismus, den du gerne hinterfragen darfst. Vielleicht hast du bereits in deiner Kindheit gelernt, dass die effektivste Methode, um jemanden zu zeigen, wer der:die Herr:in ist, ist, einfach zu schweigen. Dass Schweigen eine Konsequenz ist, wenn dein Gegenüber nicht das tut, was du willst. Wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie du dir das gewünscht hättest. Du darfst dir bewusst machen, dass es ein Mechanismus ist, den du höchstwahrscheinlich unbewusst übernommen hast, der dir aber eigentlich gar nicht dient. Denn Schweigen als Strafe kostet dich bzw. deinem Gegenüber Sicherheit. Die Verbindung von euch wird unsicher – immerhin könnte es ja passieren, dass eine:r von euch für eure Taten bestraft wird.
Versuch mal bewusst hinzuschauen, wenn es dir passiert. Was könntest du stattdessen tun, um deinen Standpunkt zu vertreten? Wie könntest du in die Verbindung gehen statt Trennung zu initiieren?
Schweigen, um zu verbergen
Das wohl fatalste Schweigen in einer Beziehung: Wenn du schweigst, um etwas aktiv zu verbergen. Denn dieses Schweigen kostet dich Ehrlichkeit und das Vertrauen deines Gegenübers. Selbst wenn dir ein Fehler passiert ist, wenn du eine Grenze überschritten hast, ist es immer noch die bessere Option, genau dies anzusprechen. So kannst du aktiv dafür sorgen, eben jenes aus der Welt zu räumen. Wir sind Menschen. Niemand ist unfehlbar. Und das ist auch gut so, denn wir lernen aus Fehlern. Was aber fatal ist, ist diese Fehler den Menschen zu verschweigen, die wir lieben. Du nimmst ihnen so die Chance, dass sie für sich selbst entscheiden können, ob sie dir verzeihen oder ob sich eure Wege trennen. Denn das Verschweigen beispielsweise eines Betrugs wird dich sehr viel wahrscheinlicher die Beziehung kosten, als der Versuch, den Fehltritt wieder gerade zu rücken.
Geheimnisse schützen dich nicht – sie isolieren
Was passiert, wenn du anfängst zu reden
Wenn du anfängst zu reden, kann etwas Erstaunliches passieren: Du eröffnest damit einen Raum, in dem ihr euch auf Augenhöhe begegnen könnt. Du gibst deinem Gegenüber die Chance, dich zu verstehen und dich so zu sehen, wie du wirklich bist. Du machst dich verletzlich. Das ist wunderschön und eröffnet deinem Gegenüber den Raum, sich ebenfalls verletzlich zu zeigen, was wiederum Nähe schafft.
Und sollte sich in einem Gespräch mal zeigen, dass dein Gegenüber dich überhaupt nicht versteht – vielleicht braucht eure Verbindung gerade mehr als nur ein Gespräch. Vielleicht braucht sie ehrliche Reflexion.
Wer mehr redet, hat mehr Sex – und das hat einen guten Grund
Schweigen in einer Partnerschaft kann noch viel weitreichendere Konsequenzen haben. Wenn ihr euch immer weniger zu sagen habt, nichts mehr miteinander teilt und Schweigen zur Gewohnheit wird, dann verliert ihr nicht nur eure Verbindung Stück für Stück, sondern langfristig auch eure Intimität. Denn Sex ist nicht nur das Körperliche. Es ist auch die emotionale Verbindung, die ihr miteinander teilt. Und diese kann nur dann stark sein und bleiben, wenn ihr euch in Gesprächen austauscht. Wenn ihr darüber sprecht, was euch belastet, was euch Freude schenkt und was euch bewegt.
Wenn dein Sexleben im Keller ist, dann lohnt es sich zu fragen, was gerade zwischen euch steht. Vielleicht hilft ein intimes Gespräch bereits weiter?
Wie du anfängst zu reden – auch wenn du nicht weißt, wo
Oft ist der Anfang eines Gesprächs das Schwerste. Eine Hürde, die mit jedem verstrichenen Tag größer wird. Vielleicht magst du es mit den folgenden Impulsen angehen.
Du kannst:
dich selbst fragen, warum du nicht reden möchtest
herausfinden, ob der Grund valide ist oder ob sich eine unbewusste Angst dahinter versteckt
dich fragen, was das Schlimmste ist, was passieren könnte, wenn du es aussprichst
und, was das Beste ist, das passieren könnte
dir bewusst machen, dass wir alle Menschen sind, die Fehler machen
bei deinem Gegenüber ankündigen, dass du reden möchtest (und dich so committen)
einfach reden – ohne zu zerdenken, ob es die perfekte Formulierung ist oder wie dein Gegenüber es auffassen könnte
Reden öffnet Räume. Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, findest du hier alles, was du dazu wissen solltest: Kommunikation in Beziehungen: Bedürfnisse, Grenzen und Verantwortung



Kommentare