Ehrlichkeit ohne Mitgefühl ist nur Aggression mit gutem Gewissen
- 22. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Es war ein Wochenende, auf das ich mich gefreut hatte. 800 Kilometer Zugfahrt, meine Soulsister, das erste gemeinsame Ed Sheeran-Konzert für uns. Aber ich war schon beim Ankommen nicht wirklich da. Kränklich, leer, irgendwie neben mir.
Was danach passierte, hab ich lange als „ich war halt ehrlich und sie wurde getriggert“ abgehakt. Das war bequem. Aber nicht die ganze Wahrheit.

800 Kilometer, ein Wochenende und ich nicht bei mir
Das Wochenende startete wunderschön – viel Austausch, viel Verbindung, das Konzert. Aber nach Ed Sheeran war ich leer. Die Menschenmassen hatten mich unbemerkt komplett ausgelaugt, und was am Ende noch übrig war, reichte nach einer kurzen Nacht nicht für den nächsten Tag. Es reichte nicht dafür, was er von mir verlangte.
Meine Soulsister und ich sehen uns maximal zweimal im Jahr. Wir sind es nicht gewohnt, so viel Zeit auf engem Raum miteinander zu verbringen – ohne Abstand, ohne die Möglichkeit, sich kurz zurückzuziehen. Und in diesem Zustand, erschöpft und nicht bei mir, habe ich Dinge gesagt, die ich für ehrlich und harmlos hielt.
Sie nicht.
Ich verstand die Energie – aber nicht meinen Anteil
Als der Kontaktabbruch wenige Tage später kam, war ich nicht mal sonderlich überrascht. Wütend, traurig und enttäuscht – aber nicht überrascht. Denn ich hatte inzwischen verstanden, was passiert war. Zumindest dachte ich das.
Die Energien an diesem Wochenende waren chaotisch und provokativ. Nichts von dem Gesagten war meine oder ihre Absicht oder böse Intention. Worte, die unter normalen Umständen nicht getroffen hätten.
Das stimmte alles. Und es reichte trotzdem nicht als Erklärung.
Ein halbes Jahr Stille
Das halbe Jahr Stille war hart. Und es war notwendig.
Denn ich merkte schnell, was fehlte – und was das über mich sagte. Ich hatte mich immer auf ihre Intuition verlassen. Auf ihr Gefühl, ihre Einschätzung, ihren Blick auf meine Situation. Wen ich selten um Rat gefragt hatte, war mich selbst.
In diesem halben Jahr gab es niemanden, den ich so fragen konnte, wie sie. Unser Hund fing an zu humpeln – ich musste entscheiden. Die Frage, ob wir unsere Wohnung vermieten oder verkaufen – mein Mann und ich mussten entscheiden. Wie wir in die Triade gestartet sind – ich musste entscheiden. Keine Rückversicherung, kein „was würdest du tun?“. Nur ich und mein eigenes Bauchgefühl.
Das war das eigentliche Geschenk dieser Stille. Aber das habe ich damals noch nicht so gesehen.
Was ich erst dann wirklich begriffen habe
Erst Monate später, als wir vorsichtig wieder aufeinander zugingen, ist mir vollends bewusst geworden, was ich getan hatte. Ich war ehrlich gewesen — so wie immer. Direkt, klar, ohne Umschweife. Aber viel zu wenig mitfühlend.
Ich hatte nichts Falsches gesagt. Aber es war komplett falsch angekommen. Es war durch Filter gegangen, durch Wunden, durch Geschichte – und hatte dort etwas getroffen, das ich hätte sehen können. Das hätte ich sehen dürfen.
Als gute Freundin hätte es mir wichtiger sein sollen, dass es ihr gut geht, als dass meine Worte stimmen.
Warum der Bruch notwendig war – und warum das trotzdem keine Entschuldigung ist
Der Bruch war für uns beide notwendig. Nicht, weil er schön war, sondern weil wir vorher wie Geschwister aneinander geraten waren, die bei denselben Eltern aufgewachsen sind. Ähnliche Wunden, ähnliche Trigger, wenig Bewusstsein dafür. Wir haben uns gegenseitig getriggert, ohne es wirklich zu merken – und ohne wirklich hinzuschauen.
In der Stille haben wir jede für sich hingeschaut. Und als wir wieder aufeinander zugingen, war etwas anders. Wir begegnen uns jetzt auf Augenhöhe. Was die andere sagt, kommt an – weil es keine verzerrenden Filter mehr passiert. Weil die Wunden nicht mehr das Steuer übernehmen.
Das ist das Geschenk. Und trotzdem keine Entschuldigung für das, was war.
Was Ehrlichkeit ohne Mitgefühl wirklich ist
Ehrlichkeit ohne Mitgefühl ist Aggression mit gutem Gewissen. Nicht, weil die Worte falsch sind, sondern weil sie ohne Rücksicht darauf, wie sie landen – und wer sie auffängt –, einfach fallen.
Ich war ehrlich. Ich hatte keine böse Absicht. Und ich habe trotzdem Schaden angerichtet.
Das ist das Unbequeme daran: Gute Absichten schützen niemanden. Weder dich noch dein Gegenüber. Was zählt, ist nicht nur, was du sagst – sondern ob du bereit bist zu sehen, wen du dabei gerade vor dir hast.
Auch ich lerne noch. Aber ich lerne.
Wenn du auch lernen möchtest, wie man bewusster kommuniziert, kannst du dich hier einlesen: Kommunikation in Beziehungen: Bedürfnisse, Grenzen und Verantwortung
Soulsister: Es tut mir leid, dass ich dir wehgetan habe, und ich bin unendlich froh, dass wir uns wiederhaben.



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