Ich lebe wieder monogam – aber diesmal aus freier Wahl
- vor 6 Tagen
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Lange habe ich – wie die meisten von uns – unbewusst in einer heterosexuellen monogamen Beziehung gelebt. Ich habe die Regeln übernommen, die von außen vorgegeben wurden, und wenig hinterfragt.
Bis ich die Chance bekam, meinen theoretischen Gedanken, mehrere Menschen gleichzeitig lieben zu können, bewusst auszuleben. Plötzlich war ich mit all dem konfrontiert, was eine monogame Beziehung erfolgreich kaschiert: die vermeintliche Sicherheit, wenn die Exklusivität fehlt, Themen, von denen ich dachte, sie längst hinter mir gelassen zu haben, und der Zwang, alle übernommenen Regeln neu zu denken.

Das Modell, das niemand wählt
Wir werden geboren und bekommen ein Geschlecht zugeordnet.
Wir wachsen in einer Familie auf und das „Normal“ sind Mutter, Vater, Kind.
Wir werden älter und bekommen von allen Seiten die volle Dröhnung Monogamie und Heterosexualität – sei es in Filmen, Büchern oder im echten Leben.
Und obendrein werden wir nicht dazu erzogen zu hinterfragen.
Ist es ein Wunder, dass wir unser Beziehungsmodell blind übernehmen?
Wir werden so sehr darauf konditioniert, wie eine Beziehung auszusehen hat, dass wir den Default-Modus, ohne mit der Wimper zu zucken, annehmen. Nur, wenn man zum Beispiel aufgrund der eigenen Sexualität beim besten Willen nicht ins Raster passt, weil eine heterosexuelle Beziehung nicht möglich ist, werden wir früher dazu gezwungen hinzuschauen. Und anstatt es diesen Menschen leicht zu machen, haben sie eine riesige Hürde vor sich, über die sie den Sprung erstmal wagen müssen, um von der Norm abzuweichen.
Gerade ist es noch so, dass man die eigene Beziehung nicht wirklich frei wählen kann. Denn frei wählen würde bedeuten, dass wir alle die gleichen Rechte hätten und jede Beziehungsform gleich leicht zu etablieren wäre. Wir wissen aber ganz genau, dass – auch wenn das von Außenstehenden gerne anders gesehen wird – eine Sexualität oder Beziehungsform jenseits der Norm oft auf Gegenwind stößt, es deutlich mehr Gewalt und Hindernisse gibt und zum Teil nicht mal überall auf der Welt legal ist. Es ist also ungleich schwerer, frei darüber zu entscheiden, dass man anders lieben möchte, weil die eigene Orientierung und Identität von der Norm abweicht.
Als ich zum ersten Mal daneben stand
Ich war früh im Beziehungsgame: Mit 14 hatte ich meine erste feste Beziehung und auch wenn diese nicht lange hielt, ließ die nächste nicht auf sich warten. Was sie gemeinsam hatten: Sie waren alle heterosexuell und monogam. Ich hatte nie die bewusste Entscheidung für diese Form getroffen – ich war einfach hineingewachsen und nie wieder herausgekommen.
Dass Monogamie für mich nie eine Wahl gewesen war, sondern ein Default, verstand ich erst, als ich zum ersten Mal danebenstand. Es waren die Spaziergänge mit meinem Mann, während wir versuchten, die Triade zu sortieren: Was macht das mit uns? Können wir wirklich ohne Hierarchie mit einem weiteren Menschen in einer Beziehung sein? Und immer wieder kamen wir an denselben Punkt: dass wir uns füreinander entscheiden würden, vor allen anderen Menschen auf dieser Welt.
Das Paradoxe daran: Ausgerechnet in dem Moment, in dem ich bewusst das vorgegebene Modell verließ, wählte ich meinen Mann zum ersten Mal wirklich bewusst. Nicht, weil es so vorgesehen war. Nicht, weil man es eben so macht. Sondern weil ich es, mit allem Wissen um die Alternative, selbst frei entschied.
Was wir übernehmen, ohne es zu merken
Exklusivität
Für viele sind Beziehungsmenschen eine Art Besitz. „Du bist mein:e Partner:in, also kann ich über dich verfügen.“ oder „Du gehörst mir, also mach gefälligst xyz.“
Wir schränken uns und unseren Beziehungsmenschen ein, sodass alles, was mit Emotionalität oder Sexualität zusammenhängt, exklusiv für uns in der Partnerschaft ist. Wir hinterfragen gar nicht erst, ob das eine oder das andere vielleicht mit mehreren Menschen geteilt werden könnte. Wir nehmen einfach an, dass ein Mensch alles von uns bekommt.
Ein Mensch für alles
Dabei vergessen wir, dass ein Mensch gar nicht alle unsere Bedürfnisse erfüllen können muss. Erwartungen sind per se schwierig. Und die Erwartung zu haben, dass der Beziehungsmensch alles abdeckt, baut Druck auf, dem nur wenige gewachsen sind. Vor allem, wenn es ein nicht frei gewählter Druck ist, weil einfach nach Schema X gehandelt wird. Vielleicht passen die Erwartungen gar nicht zu euch? Vielleicht seid ihr auch unterschiedlich aufgewachsen und habt unterschiedliche Erwartungen. Habt ihr je darüber gesprochen?
Falsche Sicherheiten
Die Default-Beziehung bringt falsche Sicherheiten mit sich. Wir gehen davon aus, dass, sobald wir exklusiv miteinander in einer Beziehung sind, die Regeln greifen, die dieses Modell mit sich bringt. Wir nehmen an, dass Exklusivität Treue und Dauer garantiert. Dass wir Menschen aber Wesen mit Emotionen und dem Drang nach Erfahrungen sind, unterschlagen wir dabei gerne. Wir sind jeden Tag im Kontakt mit anderen Menschen – wie unwahrscheinlich ist es, dass keiner dieser Menschen in uns etwas auslöst? Die Lösung ist dann meistens einer von zwei Optionen: 1. Wir unterdrücken Gefühle in uns und schaffen so eine Barriere zwischen uns und unserem Beziehungsmenschen. Oder 2. wir leben unsere Gefühle im Verborgenen aus und brechen so alle Regeln der Monogamie, die wir uns unbewusst auferlegt haben.
Eifersucht als Marker für Fehler
Statt Eifersucht als das zu nehmen, was sie ist – nämlich eine Botschaft –, nehmen wir sie als Marker dafür, dass in unserer Beziehung etwas nicht stimmt. Wir suchen nach dem Auslöser, wollen, dass unser Beziehungsmensch sich oder sein Leben so verändert, dass wir keinen Grund mehr dazu haben, eifersüchtig zu sein. Wir bleiben nicht bei uns, sondern suchen die Fehler und die Lösung bei unserem Gegenüber.
Dabei ist Eifersucht einfach nur eine Botschaft an uns persönlich, dass etwas in uns gesehen werden möchte. Das können schmerzhafte Verletzungen aus der Vergangenheit sein, nie aufgearbeitete Traumata aus vergangenen Beziehungen oder die Möglichkeit, dass sich in der Beziehung gerade etwas verschiebt. Was es auch ist, wir dürfen lernen, bewusst hinzuschauen. Wir sollten wieder mehr aktiv etwas verändern, als immer nur passiv zu reagieren.
Ein eigenes Modell bauen
Mein größtes Learning: dass Beziehungen sehr wohl der Norm entsprechen dürfen, aber man bewusst hinterfragt haben sollte, welche Regeln man da eigentlich übernimmt.
Es braucht die Offenheit, über die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu sprechen – selbst wenn diese nicht dem entsprechen, was wir über die Liebe gelernt haben. Und es braucht ebenfalls die Akzeptanz und die Toleranz, den Beziehungsmenschen vollständig so anzunehmen, wie er:sie ist – selbst, wenn sich zum Beispiel Emotionen für andere Menschen entwickeln, die so nicht vorgesehen waren. Die Kunst ist es, dann genügend Sicherheit in sich selbst zu finden, sodass einen diese Information nicht aus dem Takt bringt.
Beziehung darf sich entwickeln – genauso wie wir uns als einzelne Person und als Paar. Aber dafür braucht es den Raum, offen für Veränderungen zu sein, und den Mut, Neues auszuprobieren.
Was „Beziehungsunfähigkeit“ mit bewusstem Wählen zu tun hat
Schon mal darüber nachgedacht, dass die jüngeren Generationen vielleicht weniger „beziehungsunfähig“ und mehr „nicht mehr dazu bereit“ sind, einfach den Default-Modus einer Beziehung zu übernehmen? Dass sie vielleicht einfach nur an der Schwelle sind und noch nicht wissen, wie sie es genau anstellen sollen?
Denn machen wir uns nichts vor: Ein System von Grund auf zu verändern, erfordert Mut, Bereitschaft für Veränderung und bringt jede Menge Gegenwind mit sich.
Es gibt immer mehr junge Menschen, die bewusst auf Label verzichten. Nach außen wirkt das oft wie Bindungsunwille – dabei hält es auch offen, jenseits der vorgefertigten Regeln zu lieben.
Was, wenn das einfach nur der erste Schritt zu einem Beziehungsmodell jenseits der Norm sein kann?
Auch wir haben es in unserer Triade eine Weile ohne Label versucht und aus Erfahrung kann ich sagen: Nur weil ein Label nicht genannt ist, bedeutet das nicht weniger Commitment oder andere Voraussetzungen für eine Beziehung.
Monogam aus freier Wahl? Oder bewusst anders?
Egal, welches Beziehungsmodell ihr lebt – habt ihr frei entschieden, eure Beziehung so zu gestalten? Oder habt ihr die vorgefertigten Regeln blind übernommen?
Denn die Form ist zweitrangig. Wichtiger ist das Bewusstsein dafür, dass wir unsere Beziehung frei wählen können – wenn wir bereit sind, offen und ehrlich hinzuschauen.
Ich persönlich lebe jetzt wieder monogam – aber diesmal aus freier Wahl.
Mehr über bewusste Beziehungen findest du hier: Liebe und Beziehungen jenseits von Normen und Regeln




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